„Wind River“ oder „Eine fesselnde Jagd in eisiger Kälte“

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Die harten Fakten:

  • Titel: Wind River
  • Originaltitel: Wind River
  • Erscheinungsjahr: 2017
  • Laufzeit: 107 Minuten
  • Regie: Taylor Sheridan
  • Darsteller: Jeremy Renner, Elizabeth Olsen, Graham Greene, Gil Birmingham
  • Distributor: The Weinstein Company (USA); Wildbunch (D); Lionsgate (Home Media)
  • Produktionsland: France; UK; USA


© Wild Bunch Germany

Cory Lambert, seines Zeichens autorisierter Wildtierjäger, zieht seine Kreise in den verschneiten Weiten Wyomings, um den örtlichen Viehbestand zu schützen. Auf einer seiner Touren entdeckt der versierte Fährtenleser plötzlich etwas im Schnee, Spuren, menschliche Fußspuren, welche ihn geradewegs zu der Leiche eines jungen Mädchens führen. Sie war Teil der indigenen Bevölkerung und lebte im nahegelegenen Indianerreservat „Wind River“. Nachdem Cory wirklich ausgezeichnet in seinem Job ist, die Gegend wie seine Westentasche kennt und durch seine indianische Ex-Frau eine sehr gute Beziehung zu der Gemeinschaft hat, bittet ihn die unerfahrene FBI-Agentin Jane Banner um seine Hilfe bei der Aufklärung des Falls. Als bei der Suche nach den Tätern dann auch noch eine zweite Leiche auftaucht, verdichten sich die Spuren und das ganze Ausmaß der Abscheulichkeit der Tat kommt immer deutlicher ans Licht.


Eigentlich wurde ich bereits vor einigen Monaten durch einen Review von Chris Stuckmann auf seinem YouTube-Channel auf diesen Film aufmerksam; als dort beschrieben wurde welch intensiver, aufwühlender und hervorragender Thriller hier produziert wurde, konnte ich den österreichischen Kinostart kaum erwarten. Vor allem nach ein paar Genreenttäuschungen im vergangenen Jahr (ich sage nur „Schneemann“) war ich hungrig danach, endlich mal wieder ein Gustostück serviert zu bekommen. Dementsprechend erwartungsvoll betrat ich den Kinosaal und ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie erleichtert ich war, als der Film am Ende sogar noch besser war als gedacht.

Das hat unter anderem mit dem außergewöhnlich guten Drehbuch zu tun. Alle Dialoge wirken natürlich, auf den Punkt und den Charakteren stets angemessen; doch das ist nicht mal die größte Stärke des Drehbuchs, das sind nämlich die Figuren selbst. Hier hätten wir den stillen, beinharten Außenseiter, der auf der Jagd nach Kojoten und Pumas einsam durch die Wälder streift, der aber gleichzeitig ein liebevoller, schicksalsgebeutelter und feinfühliger Mann ist, der seinen weinenden Freund in den Arm nimmt, sein Herz ausschüttet und einer angeschlagenen Freundin aus einer Zeitschrift vorliest – all diese kleinen Szenen und Gesten lassen alles Klischee- oder Schablonenhafte der Figuren sofort verblassen und erzeugen anstelle eines eindimensionalen Abziehbildchens einen dreidimensionalen Charakter, mit dem der Zuschauer mitfühlen kann. Es ist dabei nicht nur die Figur des Wildtierjägers, die weit mehr Tiefe und Substanz verliehen bekommt, als dies in vielen anderen Filmen der Fall gewesen wäre, auch die unerfahrene FBI-Agentin wird nicht auf eine hilflose Damsel in Distress reduziert, sondern zeigt Einfühlungsvermögen, eine schnelle Auffassungsgabe und scheut nicht davor ihre Waffe zu zücken, wenn die Situation es erfordert. Selbst die Nebencharakter werden in der meist nur kurzen Screentime so gut beleuchtet, dass man sofort eine Vorstellung von dem Charakter bekommt und sich für sein weiteres Schicksal interessiert.

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Ein gutes Drehbuch ist allerdings nur eine Zutat die man braucht um einen guten Film zu machen; eine weitere ist eine gute Inszenierung und Taylor Sheridan liefert hier wirklich eine beachtliche Arbeit ab. Er schafft es nicht nur die Charaktere lebendig wirken zu lassen, sondern ein Gefühl zu erzeugen, als würde die ganze Landschaft vor aufgeladener Spannung knistern. Die schneebedeckten Ebenen, die dichten Wälder, die schlammigen Straßen, alles ergänzt und potenziert die Atmosphäre des Films, beinahe so als wäre die Gegend selbst ein in eisiger Kälte erstarrter Körper. Auch die Actionszenen sind erfrischend realistisch angelegt, was dazu führt, dass einen diese äußerst brutalen Szenen emotional umso mehr mitnehmen, da sie zusätzlich eher spärlich gesät und nie reiner Selbstzweck sind.

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Nach Skript und Inszenierung fehlt natürlich noch eine äußerst wichtige Zutat, um einen Film zu einem guten zu machen – die Schauspieler natürlich. Hier liefert speziell Jeremy Renner die vielleicht beste Performance ab, die ich je von ihm gesehen habe. Immer wieder blitzt in seinem Blick gerade so viel von dem gebrochenen Mann hinter der Fassade auf, dass es den Zuschauer mitten ins Herz trifft. Zum Glück wurde mit Elizabeth Olsen eine Partnerin gecastet, die Renners Spiel perfekt ergänzt und ihm dabei in nichts nachsteht. Alleine ihre letzte gemeinsame Szene im Krankenhaus ist ein Paradebeispiel für ganz große Schauspielkunst.


Alles in allem ist „Wind River“ mehr als ein Thriller, mehr als die Suche nach dem Täter, mehr als die Summe seiner Teile, „Wind River“ ist ein Erlebnis, das einen packt und nicht mehr loslässt.

Danke für’s Vorbeischauen und bis zum nächsten Mal – stay tuned…

 

 

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15 Gedanken zu “„Wind River“ oder „Eine fesselnde Jagd in eisiger Kälte“

      • Also ich finde man merkt den Film an, dass ein Autor sein Regiedebüt gegeben hat. Das heißt, manchmal nimmt er den Drive aus dem Film. Dann die Platzierung der Auflösung hat mich wirklich gestört und dass der Film manchmal zu unentschlossen zwischen Thriller und Drama schwenkt. Das wirkt manchmal etwas unausgegoren.

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      • Aha, sehr spannend wie unterschiedlich man sowas wahrnehmen kann…ich fand gerade das stellenweise Drosseln der Geschwindigkeit eine sehr guten Kniff weil dadurch eine ganz andere Dynamik entstehen konnte und die „Action“szenen so viel mehr Wumms und Intensität bekamen weil die einen Kontrast darstellten. Was meinst du mit“ Platzierung“ genau? Wann sie kam oder wie sie inszeniert wurde?

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      • Wann sie kam, das war für mich ein kompletter Bruch, der Dynamik herausgenommen hat. Vielleicht wäre es ein interessanter Kniff gewesen diese Szene wirklich an den Anfang des Films zu setzen oder erst nach dem Showdown zu platzieren..

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      • Ach das meinst, den Flashback (sorry, da saß ich jetzt auf der Leitung 😅)…auch das fand ich gat nicht schlecht eingebaut, vor allem weil ich den Übergang ganz spannend inszenierte fand so mit dem Klopfen und dann der Zeitüberblende…wobei ich deine Argumente schon gut nachvollziehen kann, so nahm man die Auflösung schon vor dem eigentlichen Showdown vorweg, wäre aus diesem Licht betrachtet also vielleicht wirklich besser gewesen wenn man es erst mach dem Schusswechsel gezeigt hätte (oder vielleicht gar nicht, ich mein, die Szene ist zwar ganz schön hart und führt einem die Grausamkeit der Tat vor Augen allerdings hätte der Film auch ohne sie funktioniert, da man sich aus dem restlichen Kontext eh zusammenreimen konnte was passiert ist)

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