Halloweek #2 – Horror in der Literatur

Hallo meine liebe Leserschaft,

da meint man, man hätte alles gut vorbereitet und könnte ohne Probleme ins verlängerte Wochenende starten nur um dann zu realisieren, dass man das falsche Datum eingestellt hatte…peinlich, peinlich! So bekommt ihr den zweiten Beitrag zu meiner Halloweek halt erst zur Geisterstund (vielleicht für ich das gleich so ein, ist irgendwie stimmungsvoller als um 18 Uhr 😉 ). Aber nun genug Geplänkel über vertauschte Daten und organisatorisches Gewäsch, denn heute wird es endlich ernst, heute geht es nämlich um das erste und älteste Medium, welches den Horror als Thema etablierte: die Literatur.

Wo das Genre seinen Ursprung hatte, ist wohl eher schwer zu bestimmen, haben sich doch die Menschen seit jeher gerne um ein wärmendes Feuer versammelt, um sich mit Geschichten über Helden und Monster gegenseitig zu faszinieren und zu verzaubern. Bereits Odysseus schier unendliche Reise strotzt nur so vor angsteinflößenden Szenen, in denen einäugige Riesen, gewiefte Zauberinnen und unheilbringende Wesen auf hoher See ihre Spielchen mit den tapferen Helden treiben. Und man vergesse nicht die vielen Märchen und Sagengestalten, mit Schlangenhaaren, Reißzähnen und Drachenhaut. Neben den unzähligen Sagenwelten bieten aber auch die unterschiedlichen Weltreligionen genügend Stoff, um sich ordentlich zu gruseln; alleine der Teufel in seinem Höllenreich bot ausreichend Inspiration um Dante seine „Göttliche Komödie“ zu entlocken – die übrigens nur wenig zum Lachen bietet.

Das Horrorgenre in seiner reinsten Form wird allerdings dem Vernehmen nach Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts in den damals sehr beliebten Schauerromanen geboren. Seien es nun Namen wie Poe auf der amerikanischen, Shelley auf der britischen oder auch Hoffmann auf der deutschen Seite, sie alle verschrieben sich einem neu aufkommenden Trend, einem Genre, welches gezielt Angst und Schrecken in den Herzen der Menschen säen will.

Da das Interesse an dieser Art der morbiden Unterhaltung nie abriss, gelang es dem immer weiter gedeihenden Genre sich über die Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg zu halten und immer neue Blüten auszutreiben. Und auch heute noch scheint der Reiz dieser Gänsehaut erzeugenden Geschichten nach wie vor ungebrochen. Man bedenke nur die große Anzahl an Schriftstellern, die sich wenigstens ab und an in diese Gefilde verirren und jene auch nicht geringe Zahl derer, die sich dort ihr Nest errichtet haben.
Wenn man von modernem Horror spricht, gibt es natürlich einen Namen, der jedem Bibliophilen sofort in den Sinn kommt: Stephen King. Von vielen als Großmeister des Horrors angesehen, wäre eine Rezension zu einem seiner unzähligen Werke für diesen Beitrag auf jeden Fall eine sichere Bank gewesen, doch mein lieber Kollege DerStigler (der so nett war und die Rezensionen für diesen heutigen Beitrag verfasst hat) hat sich stattdessen lieber für die Geschichten eines anderen Autors entschieden. Und was soll ich sagen, ich freue mich sehr darüber, denn er hat sich einem Herren gewidmet, dessen Name nicht minder mit dem Genre und seiner heutigen Popularität verknüpft ist wie der Kings: H.P. Lovecraft!
Lehnt euch also zurück, zieht die Schmusedecke etwas näher heran und erfreut euch an der schaurig schönen Welt des Übernatürlichen beziehungsweise an der Meinung des Stigler zu eben jener.


Schatten über Innsmouth

Schatten über Innsmouth wurde 1931 fertigstellt und 1936 erstmals veröffentlicht. Heute zählt das Werk zu den bekanntesten und populärsten Geschichten von H. P. Lovecraft. Wer sich aber an Rassismus stört sollte einen großen Bogen um diese Geschichte machen, da sowohl Rassismus als auch Degeneration eine zentrale Rolle spielen.
Die Erzählung wird aus der Sicht eines jungen Mannes geschildert, der sich in seinem einundzwanzigsten Lebensjahr auf eine Reise durch Neuengland begibt, um das Land kennenzulernen und genealogische Studien zu betreiben. Zu Beginn der Erzählung befindet sich der Protagonist in der Stadt Newburyport und möchte möglichst günstig nach Arkham gelangen. Weil ihm das Zugticket zu teuer ist, erhält er den Tipp mit einem alten Bus zu fahren, der jedoch über die heruntergekommene Stadt Innsmouth fährt. Im Vorfeld erfährt der Protagonist fast ausschließlich Negatives über Innsmouth. Die Stadt sei heruntergekommen, die Leute sehen komisch aus und hätten angeblich einen Pakt mit dem Teufel geschlossen.
Trotz dieser Hinweise und einiger weiterer Informationen wird die Neugierde des Protagonisten geweckt. Er beschließt dem geheimnisvollen Innsmouth einen Besuch abzustatten. In Innsmouth selbst und auf der Reise mit dem Bus fallen dem Erzähler die komisch aussehenden Einwohner auf aber er besichtigt dennoch die verfallene Stadt. Dabei trifft er auf den alten Säufer Zadok Allen, der ihm nach etwas Alkohol die Geschichte von Innsmouth erzählt.
Die Bewohner von Innsmouth haben mit einer Spezies von Meereskreaturen, genannt Tiefe Wesen, einen Pakt geschlossen, dank dem die Bewohner Innsmouth’s Gold sowie reichlich Fisch erhalten aber dafür die Tiefen Wesen in ihrer Stadt beherbergen und sich mit ihnen paaren müssen. Weiters dienen die Tiefen Wesen und die Menschen Innsmouth’s dem Gott Dagon. Die Kinder aus der Vermischung von Mensch und Tiefem Wesen sollten unsterblich sein und im Reich von Mutter Hydra und Vater Dagon leben dürfen. Im Gegenzug würden diese Kinder den degenerierten Innsmouth-Look annehmen.
Der Erzähler weiß nicht was er von dieser Geschichte halten soll, beschließt trotzdem die Stadt zu verlassen. Da der Bus jedoch eine Panne hat, ist der Protagonist gezwungen im einzigen Hotel der Stadt zu übernachten. In der Nacht versucht eine unbekannte Person in sein Zimmer einzudringen woraufhin der Erzähler aus Innsmouth flüchten muss. In den Jahren nach seiner Flucht muss er feststellen, dass er ein grausiges Erbe in sich trägt und er in seine Heimat zurückkehren muss …
Erzählerisch wie Stilistisch gehört „Schatten über Innsmouth“ zu den interessantesten Geschichten von H. P. Lovecraft, in der er seiner Xenophobie am intensivsten Ausdruck verleiht. Dabei ist nicht nur der Rassismus hervorstechend, sondern auch die Angst vor dem Fremden, eine der wichtigsten Thematiken in den Werken von Lovecraft, fast allgegenwärtig. Weiters wird das Thema Degeneration hervorgehoben, da die Menschen von Innsmouth sich in den Augen den Erzählers zum negativen Entwickelt haben, wobei die Paarung mit den Tiefen Wesen offenkundig einige Vorteile mit sich bringt.
Was mir ebenfalls gefallen hat, ist der namenlose Protagonist, da Lovecraft so sich selbst reflektieren konnte und die Leserschaft die Möglichkeit bekommt sich selbst in den Erzähler hineinzuversetzen. Hier haben wir es wieder mit einem Markenzeichen Lovecrafts zu tun, denn die narrative Erfahrung spielt im Gesamtwerk Lovecrafts eine nicht zu unterschätzende Rolle. Der Horror selbst schwingt in der gesamten Erzählung mit, entfaltet sich aber erst zum Schluss vollends, was dem Leser kein Happy End vorsetzt.
Kann ich „Schatten über Innsmouth“ weiterempfehlen? Ja, definitiv aber dem Leser oder der Leserin muss klar sein, dass das Thema Rassismus in dieser Geschichte allgegenwärtig ist, wobei man Lovecraft dafür kaum verurteilen kann, da der Mann in einer völlig anderen Zeit gelebt hat und die Geschichte auch neben der Xenophobie einige interessante Details bietet.

Die Ratten im Gemäuer

Die Ratten im Gemäuer verfolgt das Schicksal des US-Amerikaners Delapore, der sich dazu entscheidet das Anwesen seiner Vorfahren in Südengland, genannt Exham Priory, zurückzukaufen und in seinen späten Jahren zu restaurieren und zu beziehen. Die Grundmauern des Anwesens stammen aus der römischen Zeit und wurden von den Vorfahren Delapore’s bis ins 17. Jahrhundert bewohnt als das gesamte Geschlecht bis auf einen einzigen Angehörigen unter mysteriösen Umständen ausgerottet wurde.

Zusammen mit seinem Bekannten, einem Mann namens Norrys, macht sich Delapore nach dem Tod seines Sohnes, durch den er bereits im Vorfeld einige mysteriöse Details über seine Vorfahren erhalten hat, an die Restaurierung von Exham Priory. Im Jahr 1923 ist das Anwesen bezugsfertig und Delapore erhält kurz nach seinem Einzug weitere Hinweise auf ein ebenso mysteriöses wie grausiges Familiengeheimnis. Bald darauf wird Delapore in der Nacht von Ratten heimgesucht, die in den Wänden umher huschen und nur vom Erzähler sowie den Hauskatzen gehört werden können. Zudem wird er von ekligen, grauenhaften Träumen geplagt, die jede Nacht wiederkehren. Mithilfe der Katzen, die das Anwesen bewohnen, können Delapore und Norrys einen geheimen Durchgang im Keller finden. Zusammen mit einem kleinen Expeditionstrupp erkundet das Duo den Durchgang und findet eine Treppe, die in eine riesige Grotte führt. Bald stellt sich die Exkursion in die Grotte als schwerwiegender Fehler heraus, denn der Wahnsinn bricht über Delapore herein und überall sind Ratten im Gemäuer…

Das vorherrschende Thema von „Ratten im Gemäuer“ ist der Wahnsinn. Während Delapore zu Beginn noch klar denkend wirkt, wird dieses Bild im Laufe der Geschichte immer weiter erschüttert und der Höhepunkt zerstört dieses Bild schlussendlich vollends. Ebenfalls interessant ist das Genre von „Ratten im Gemäuer“. Die Geschichte lässt sich ganz klar in die Kategorie Schauerliteratur einordnen, enthält aber auch Elemente der klassischen Detektivgeschichte sowie des klassisch, dokumentarischen Erlebnisberichts aus der Ich-Perspektive.

Alles in allem ist die „Ratten im Gemäuer“ eine klassische, spannende Gruselgeschichte, die sich mit dem Thema Wahnsinn hervorragend auseinandersetzt und angenehm an die Werke von Edgar Allen Poe erinnert. Dazu kommt ein hervorragender Höhepunkt, der das volle Ausmaß des Horrors zeigt. Wer also eine Gruselgeschichte im klassischen Stil sucht, kann hier beruhigt zugreifen.


Das war er also, unser kleiner Ausflug in die Welt der Horrorliteratur. An dieser Stelle nochmal ein herzliches Dankeschön an den Stigler für die wundervollen Rezensionen. Und nun bleibt mir nur mehr zu sagen, freut euch schon auf morgen, wenn der Stigler und ich euch in eine weitere Welt des Grauens entführen!

Danke für’s Vorbeischauen und bis zum nächsten Mal – stay tuned…

6 Kommentare zu „Halloweek #2 – Horror in der Literatur

Gib deinen ab

  1. „Die Ratten … “ und „Schatten über Innsmouth“ sind zwei meiner Lieblingsgeschichten von H.P. Lovecraft. 🙂 „Das Ding auf der Schwelle“ kann ich auch noch sehr empfehlen. Letztes Jahr bis ich glaube Anfang diesen Jahres habe ich einige Lovecraft-Hörbücher gehört – auch mein erster Berührungspunkt mit Lovecrafts Geschichten. Und ich war sehr angefixt! Großartig, welche Ideen Lovecraft in seinen Geschichten verbaut hat und wie stark diese von Naturwissenschaften beeinflusst sind.

    Gefällt 1 Person

    1. Hab letztes Jahr meinem Mann eine Schmuckausgabe von Lovecrafts Geschichten zu Weihnachten geschenkt und werd demnächst wahrscheinlich selber mal reinlesen…die ganzen Beiträge rund um das Horrorgenre haben mein Interesse geweckt selber mal etwas tiefer in dieses Genre einzutauchen…also danke für deine Tipps, die nehm ich mir auf jeden Fall zu Herzen 😊

      Gefällt mir

  2. Servus, Mara.
    Hi, Patrick.
    Bei dem Aspekt von Lovecrafts Rassismus ergibt sich die Frage, inwiefern sich der Rassismus seiner Zeit von dem der heutigen Jahre unterscheiden mag. Der saure Apfel bleibt ein saurer Apfel. Irgendwie. 🙂
    bonté

    Gefällt 1 Person

    1. Nachdem ich Lovecraft bisher noch nicht gelesen hab, kann ich dazu eher wenig sagen…aber prinzipiell ist deine Aussage natürlich ganz richtig, Rassismus ist und bleibt Rassismus, egal in welcher Zeit!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: