„Bücher, die zu bewegten Bildern wurden“ – Challenge #3 (Southern-Reach-Trilogie)

Hallo zusammen,

eigentlich bezog sich meine Challenge nur auf das erste Buch dieser Reihe, da dieses im vergangenen Jahr durch Alex Garland eine filmische Adaption spendiert bekam, von der ich nach Lektüre des Werkes eher enttäuscht als begeistert war – aber dazu dann bei der Gegenüberstellung am Ende mehr. Zunächst möchte ich euch allerdings ein bisschen mehr über eine der interessantesten, sperrigsten, faszinierendsten und irritierendsten Buchreihen erzählen, die ich bisher gelesen habe. Da eine zu umfassende Beschreibung der Handlung, vor allem der Teile 2 und 3 ein viel zu großes Spoilerpotenzial in sich trägt, möchte ich mich hier nur  auf eine kurze Zusammenfassung der Ausgangssituation beschränken.


Area X, so heißt jenes Gebiet, in welchem vor einigen Jahren etwas Unerklärliches vor sich ging – ohne Vorwarnung fingen sowohl Fauna und Flora an auf eine Weise zu mutieren, wie man es noch nie zuvor erlebt hatte. Nach der Abriegelung des Gebietes durch eine regierungsnahe Organisation namens Southern Reach, begannen die Expeditionen ins Unbekannte, um hoffentlich verwertbare Erkenntnisse liefern zu können. Als die Mitglieder der elften Expedition unbemerkt von heute auf morgen wieder zu Hause bei ihren Familien auftauchen, nur um kurze Zeit später an einer Krebserkrankung zu sterben, wird eine weitere Expedition, diesmal bestehend aus fünf Frauen, unter der Leitung der Direktorin von Southern Reach höchstpersönlich, in das Gebiet entsandt, um dem Spuk endlich auf den Grund zu gehen.


© Knaur Taschenbuch Verlag

Bereits das erste Buch „Auslöschung“ stellt eine Sache ganz schnell klar, hier handelt es sich nicht um null-acht-fünfzehn Sci-Fi/Horror – Stangenware. Viel zu komplex und verstrickt muten sowohl Geschichte als auch Charaktere an. Mit niemandem aus der heiteren Runde kann man zu Beginn so wirklich sympathisieren, niemand scheint als emotionaler Ankerpunkt dienlich und dennoch fühlt man sich in die Geschichte hineingesogen wie in ein Schwarzes Loch, fasziniert hadert man dem kommenden und erfreut sich an der bildgewaltigen Schönheit. Eben jene Schönheit der mutierten Landschaft ist es, die uns Autor VanderMeer in weiser Voraussicht lediglich häppchenweise serviert, denn schon die gute alte Tante Jolesch wusste, dass zu viel des Guten den Appetit verdirbt. Mit den teils skurrilen Beschreibung zurecht zu kommen und ein Bild in seinem Kopf zusammenzusetzen, ist auch in diesen kleinen Dosen sowieso schon schwierig genug. Doch die wahre Kunst des Buches liegt darin, den enthaltenen Horror tatsächlich als solchen zu inszenieren; keine brutalen Gemetzel mit zur Unkenntlichkeit mutierten Kreaturen, nein, hier schwelt alles unter der Oberfläche, bleibt im Verborgenen, schleicht sich von hinten an einen heran, nur um beim Blick über die Schulter plötzlich spurlos verschwunden zu sein – es ist jene unaufgeregte Art von Horror, die sich tief unter das Fleisch frisst und einen nicht mehr loslässt. Auch die Figuren wachsen einem, ob der scheinbar gemeinsam überstandenen Erlebnisse, immer mehr ans Herz, bis man zuletzt sogar der oft zu unterkühlt wirkenden Biologin ihren Sieg über die stets wachsame Kontrollinstanz von Herzen gönnt. Nachdem das erste Buch mit einem wahrlich fiesen Cliffhanger endet, kommt man nur schwer umhin, sich nicht gleich Buch Nummer Zwei zur Hand zu nehmen (was ich ohne Umschweife tat 😉 ).


© Knaur Taschenbuch Verlag

„Autorität“ befördert den Leser sodann in ein gänzlich unerwartetes Szenario, anstatt den Faden des ersten Buches aufzugreifen, erleben wir die Konsequenzen der zwölften Expedition aus einer gänzlich anderen Sicht, nämlich aus jener des neuen Direktors von Southern Reach. Control, wie der eigenwillige aber eigentlich nur maßlos überforderte Charakter gerne genannt werden möchte, ist Spross einer namhaften Familie innerhalb der Organisation und scheint den allzu großen Fußstapfen einfach nicht gewachsen zu sein. Anders als in „Auslöschung“ entwickelt der Leser hier sofort eine wohlwollende Haltung gegenüber diesem Fisch, der ins kalte Wasser geworfen wurde und um sein Überleben kämpft. Ebenso wie in seinem Vorgänger wirft VanderMeer auch in diesem Teil weit mehr Fragen auch, als er beantwortet und ebenso wie im ersten, macht dies einen Großteil der Anziehungskraft des Werkes aus, denn oft genug wurde eine Sache im Horror/Sci-Fi – Genre bereits bewiesen: die Fragen sind meist spannender, die Phantasie des Lesers grenzenloser, als jeder Versuch einer Erklärung sein könnte. Während der Horror in diesem Teil eher einem Gefühl des subtilen Unbehagens Platz macht, ist es vor allem das Ende, das einem die Kinnlade herunterhängen lässt und, wie schon Band 1, den Zuschauer mit einem beinahe unstillbaren Durst nach mehr zurücklässt.


© Knaur Taschenbuch Verlag

„Akzeptanz“ bildet den Schluss der Saga und führt daher konsequent sowohl die Geschichte aus dem ersten als auch dem zweiten Band weiter und auf schlüssige Weise zusammen. Einerseits erfahren wir mehr über das Schicksal der zwölften Expedition, andererseits verfolgen wir auch Control weiter auf seinem Weg und außerdem erfahren wir per Rückblenden so manch aufschlussreiche Informationen über die Zeit vor Area X. Doch wer nun meint, hier alle Antworten auf einem Silbertablett serviert zu bekommen, der irrt – Jeff VanderMeer ist sichtlich kein Fan des Vorkauens, jegliche Schlussfolgerung muss sich der Leser hart erarbeiten und selbst zusammenfügen, wie ein überdimensionales Puzzle, welches zwar am Ende ein exquisites aber doch nie vollständiges Bild ergibt. Umso befriedigender ist es, wenn ein Teil sich ins andere fügt, wenn man des Rätsels Lösung wieder einen Schritt näher kommt und immer wieder innehält, um sich das bisherige Bild noch einmal genau zu betrachten. Während ich mir vorstellen könnte, dass manch einen das große Finale dann eher enttäuscht als begeistert, muss ich zugeben, dass ich es für die größte Stärke der Reihe halte und mir kein besseres Ende vorstellen könnte; VanderMeer bleibt seiner Linie nämlich bis zur letzten Seite treu, denn die Lösung des Rätsels ist ein weiteres Rätsel versteckt in einem weiteren, womit der Tatsache Tribut gezollt wird, dass der Mensch nie den Limitationen seines eigenen Verstandes entfliehen kann.


Alles in allem zählt Jeff VanderMeers Southern Reach Trilogie zu den besten Buchreihen, die ich bisher das Vergnügen hatte zu lesen, da sie den Leser für geeignet hält, sich selbst einen Reim auf die Ereignisse zu machen und folgerichtig Mut zur Absenz von Antworten beweist. Sicher keine Kost für jedermann, aber wer von euch sich gerne einmal abseits typischer Genrevertreter bewegen möchte, dem kann ich diese Reihe nur wärmsten empfehlen.


Kurze Gegenüberstellung Buch/Film:

Man oh man, wie fange ich hier bloß an? Zunächst einmal möchte ich Alex Garland, seines Zeichens Regisseur des allseits gefeierten „Ex Machina“, zu Gute halten, dass er den Look des Buches wirklich hervorragend auf den Bildschirm transportieren konnte. Area X wirkt mit seiner schaurig schönen Fauna und Flora, der unterschwellig bedrohlichen Atmosphäre und den phantastischen Bildern wie ein wahr gewordener Traum.
Doch während Garland die Welt um seine Geschichte herum vortrefflich in Szenen zu setzen vermag, krankt der Film vor allem an eben jener, seiner Geschichte. Hier verändert Garland einfach zu viel von der außergewöhnlichen Handlung des Buches, um dasselbe Gefühl von Andersartigkeit beim Zuschauer zu erzeugen. So verkommt die Einzigartigkeit der Erzählung schnell zur Sci-Fi Massenware, unterteilt in mundgerechte Happen und garniert mit expliziten Horrorelementen, die wohl dazu gedacht sein sollen den Puls etwas in die Höhe zu treiben, da subtiler Horror heutzutage offensichtlich aus der Mode gekommen ist. Zwar besinnt sich der Film am Ende wieder auf ein paar Stärken der Vorlage und vermeidet die abschließende Beantwortung der aufgeworfenen Fragen, Fans des Genres können sich aber sicher schnell einen Reim darauf machen, wohin Garlands Adaption wohl in weiteren Verfilmungen geführt hätte – und diese Entwicklungen hätten sich ohne Zweifel immer weiter von den literarischen Vorlagen entfernt.
So kann ich nur sagen, dass „Auslöschung“ ein visuell herausragendes Werk geworden ist, welches auf dieser Ebene der Vorlage zu großen Teil gerecht wird, allerdings wäre handlungstechnisch leider tatsächlich deutlich mehr drinnen gewesen – daher werden ihn Unwissende wohl eher feiern und Kenner sich ob der verpassten Gelegenheiten eine stille Träne verdrücken (oder auch zwei).


Die harten Fakten:

  • Titel: Auslöschung; Autorität; Akzeptanz
  • Originaltitel: Annihilation; Authority; Acceptance
  • Autor: Jeff VanderMeer
  • Übersetzer: Michael Kellner
  • Verlag: Knaur Taschenbuch
  • ISBN: 978-3-426-51804-5; 978-3-426-51805-2; 978-3-426-51806-9

Danke für’s Vorbeischauen und bis zum nächsten Mal – stay tuned…

 

7 Kommentare zu „„Bücher, die zu bewegten Bildern wurden“ – Challenge #3 (Southern-Reach-Trilogie)

Gib deinen ab

    1. Ein kleiner Tipp: nicht zu schnell aufgeben…es ist am Anfang nämlich noch recht sperrig und ich hab auch schon von Leuten gehört, die gar nie rein gefunden haben, aber wenn es dich mal gepackt hat, dann erwartet dich echt ein außergewöhnliches Leseerlebnis 😉

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  1. Deine Besprechung spiegelt meinen Eindruck ziemlich gut wider. Ich habe vor zwei Wochen erst die Bücher zu Ende gelesen sowie den Film gesehen. Die Romane sind deutlich komplexer und tiefer und auch wenn Garland die Atmosphäre doch recht gut trifft, so sind die inhaltlichen Elemente doch nur auf das Wesentliche runtergedampft. Hier wäre mehr möglich gewesen und dennoch ist es ein recht guter Film.

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