Der Trafikant – Träumen in Zeiten des Aufruhrs

Hallo zusammen,

so, mit einer wirklich amtlichen Verzögerung bekommt ihr heute von mir die letzte Rezension zu einem Film präsentiert, den ich ihm Zuge der diesjährigen Diagonale gesehen habe. Ebenso wie bei „Die Wunderübung“, handelt es sich bei diesem Film um eine Literaturverfilmung – da ich die Vorlage allerdings bis jetzt noch nicht gelesen habe, kann ich an dieser Stelle zu dem Buch nichts weiter sagen und auch Vergleiche zwischen den beiden Medien sucht ihr hier vergeblich. Doch worum geht es eigentlich…

Der junge Franz verlässt kurz vor dem Anschluss Österreichs an Deutschland sein kleines Dorf, um in Wien eine Ausbildung zum Trafikanten bei einem Bekannten seiner Mutter zu machen. Dass dieser ein Kriegsinvalide, ein Querulant und recht eigensinnig ist, stört Franz dabei wenig, denn schon bald lernt er den verschrobenen Kauz in sein Herz zu schließen. Dort wäre allerdings auch noch genügend Platz für die erste große Liebe und prompt lernt Franz auf einem Fest die faszinierende Anezka kennen. Von seinen Gefühlen übermannt, entwickelt Franz immer eigenwilligere Träume – wie praktisch, dass zufällig ein Mann namens Sigmund Freud Stammkunde der Trafik ist und einen rechten Narren an Franz gefressen hat. Doch die Zeiten stehen auf Sturm und allzu bald wird dieses neue, aufregende Leben komplett auf den Kopf gestellt.

Filme, die sich mit dem zweiten Weltkrieg auseinandersetzen, gibt es inzwischen beinahe wie Sand am Meer, hier noch mit einer neuen und frisch wirkenden Idee um die Ecke zu kommen, scheint also beinahe ein Ding der Unmöglichkeit und doch ist dem Team rund um Nikolaus Leytner genau dieses Kunststück gelungen. Denn „Der Trafikant“ bietet einen Blick auf jene Zeit, den ich so innerhalb des Genres noch nicht erlebt habe.
Dadurch, dass der Fokus auf dem frisch in der Großstadt eingetrudelten Jüngling liegt, der das politische Geschehen, wie die meisten in diesem Alter, egal zu welcher Zeit, eher aus dem Augenwinkel beobachtet, nimmt auch der Zuschauer die sich leise einschleichende Gefahr erst wahr, als sie aus der Dunkelheit empor steigt und direkte Auswirkungen auf das Leben des Protagonisten hat. Wie man sich nach diesem Satz bereits denken kann, steht und fällt der Film somit mit der Performance des Hauptdarstellers und zum Glück macht Newcomer Simon Morzé seine Sache einfach ausgezeichnet. Sowohl die anfängliche Unbeschwertheit der Jugend, als auch die Verwirrung, die mit der Erforschung des eigenen Ichs einhergeht, ebenso wie das langsame Heranreifen, die Wandlung vom Kind zum Mann – all das spielt Morzé mit viel Gespür und angenehm nuanciert, ohne dabei aufgesetzt zu wirken. Aber auch die Mimen an seiner Seite, wie der leider kürzlich verstorbene Bruno Ganz, der hier ein ebenso sympathisches wie vielschichtiges Portrait des Mitbegründers der Psychoanalyse abliefert, machen ihre Sache allesamt gut bis hervorragend und helfen dem Film so mit Leichtigkeit über den ein oder anderen inszenatorischen Stolperstein hinweg.
Denn die Traumsequenz wirken zwar auf den ersten Blick sehr interessant, bei genauerem Hinsehen erweisen sie sich aber als zu plakativ und aufgesetzt, um tatsächlich zu tiefschürfenden Analysen zu verleiten. Und auch der Figur der Anezka hätte, trotz untergeordneter Rolle, ein wenig mehr Charaktertiefe wahrlich nicht geschadet.

Alles in allem ist „Der Trafikant“ kein Kriegsfilm im „klassischen“ Sinne, sondern viel mehr eine Mischung aus Coming-of-Age und Liebesdrama, deren Geschichte zufällig in die Zeit des Erstarkens des NSS-Regimes fällt. Dieser unverbrauchte Ansatz, gepaart mit den tollen schauspielerischen Leistungen, beschert dem Publikum, trotz einiger kleinerer Schwächen, einen sehr sehenswerten Film.

Danke für’s Vorbeischauen und bis zum nächsten Mal – stay tuned…

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