„1917“ – Mitreißender (beinahe) One-Take

Hallo zusammen,

die Oscars stehen vor der Tür, und nachdem er schon bei den Golden Globes ziemlich abräumen konnte, gilt „1917“ auch als einer der Favoriten im Rennen um die beliebten Goldjungen. Das dürfte zu einem großen Teil wohl der inszenatorischen Finesse geschuldet sein, mit welcher Verantwortliche ebenso wie Fans seit dem Start des Streifens hausieren gehen. Kein Wunder, solche One-Take-Wunder, wenn auch nur vorgetäuschte, erfordern immerhin viel Fleiß, ein Auge fürs Detail und volle Einsatzbereitschaft. Dass solch ein Aufwand auch gebührend honoriert wird, ist nicht nur nachvollziehbar, sondern auch löblich.

Doch wie schaut es eigentlich abseits des Inszenatorischen aus? Kann der Film auch mit seinen Charakteren punkten? Oder verkommt der One-Take gar zu einem substanzlosen Gimmick? Wenn man mich fragt, dann ist die erste Frage eindeutig mit „Ja“ zu beantworten und die zweite ebenso eindeutig mit „Nein“. Doch lasst mich erklären wieso.
Gehen wir doch zunächst einmal auf die erste Frage, und somit die Charaktere näher ein. Bereits hier beweisen die Verantwortlichen schon einiges an Mut, bauen sie ihr charakterfokussiertes Kriegsdrama doch um zwei relativ unbekannte Frischlinge auf: George MacKay und Dean-Charles Chapman. Eine gewaltige Aufgabe also, die den beiden Jungdarstellern hier abverlangt wird, und die diese trotz überschaubarer Erfahrung mit Bravour meistern. In der Entscheidung für unverbrauchte Gesichter, zumindest in den Hauptrollen, zeigt sich aber nicht nur der Mut der Verantwortlichen, sondern eine ganz klare Intention, nämlich dass man genügend Vertrauen in das Projekt hatte, um es für sich selbst sprechen zu lassen. Gut, mit Namen wie Sam Mendes und Roger Deakins ist solch ein Vertrauen vermutlich eher leicht aufzubringen und mit dem Wissen um den inszenatorischen Kniff wird wohl auch noch der letzte Zweifler überzeugt worden sein.
Womit wir auch schon bei der zweiten Frage, und dem „Gimmick“ One-Take angekommen wären. Und hier muss man ganz klar sagen, dass sich dieses Stilelement, dass auf sichtbare Schnitte vollkommen verzichtet, zu keiner Zeit unüberlegt oder aufgesetzt anfühlt. Ganz im Gegenteil, die meiste Zeit fällt einem als Zuschauer gar nicht auf, dass man gerade keinen einzigen wahrnehmbaren Schnitt über die gesamte Laufzeit hinweg gesehen hat, da die Kameraführung einfach so makellos und fließend ist, dass man vollständig ins Geschehen eintaucht, eine Leistung für die wohl zu einem nicht unerheblichen Teil Roger Deakins verantwortlich zeichnet. Wo man den vermeintlichen One-Take wirklich zu spüren bekommt, ist lediglich in jenen Szenen, wo das Hirn aus dem Staunen kaum mehr herauskommt und sich beständig fragt: „Wie zum Kuckuck haben die das nur gemacht!?!“.

In seinen besten Momenten (und von denen gibt es wahrlich viele) ist Mendes neuester Geniestreich also ein höchstgradig immersives Kinoerlebnis, welches den Zuschauer voll und und ganz in seinen Bann zu ziehen weiß. In den weniger gelungenen Momenten (vor allem, wenn reichlich unterentwickelte Nebencharakter in das Geschehen geworfen werden, bei denen es teilweise so wirkt, als wären sie nur im Skript, damit auch noch der letzte größere britische Schauspieler eine Rolle bekommt) ist „1917“ aber noch immer ein überdurchschnittlich gespieltes, herausragen inszeniertes Paradebeispiel dafür, wie man nervenaufreibendes Kino produzieren kann, ganz ohne Weitwinkelaufnahmen von zwei schier endlosen Armeen, die aufeinander zu stürmen.

Ich habe diesen Film übrigens auch im Zuge der „Filmreise-Challenge“ gesehen: Aufgabe #51 – Schaue einen Film, in dem es um ein historisches Ereignis geht.

Danke fürs Vorbeischauen und bis zum nächsten Mal – stay tuned…


Die harten Fakten:

  • Originaltitel: 1917
  • Erscheinungsjahr: 2019
  • Laufzeit: 119 Minuten
  • Regie: Sam Mendes
  • Darsteller: George MacKay, Dean-Charles Chapman, Colin Firth,…

5 Kommentare zu „„1917“ – Mitreißender (beinahe) One-Take

Gib deinen ab

  1. Wow, ich möchte dir in jedem Punkt deiner Meinung widersprechen ^^ Ich würde die beiden Fragen definitiv anders herum beantworten. Die Charaktere sind viel zu dünn, die Technik steht derart im Vordergrund, dass ich mich nicht davon lösen konnte, sie wahrzunehmen. Dieses „Wie zum Teufel haben die das gemacht“ war der einzige Gedanke, den ich die ganze Zeit hatte – und darunter hat die filmische Erfahrung insgesamt sehr gelitten.
    Ich habe nun – bis auf Jojo Rabbit – alle in der Hauptkategorie nominierten Filme gesehen und muss leider konstatieren: 1917 ist der schwächste von ihnen. Insofern würde es mich nicht wundern, wenn er tatsächlich gewinnt…

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    1. Sehr interessant, da haben wir den Film offensichtlich wirklich komplett konträr wahrgenommen. Für mich fühlten sich die Kameraeinstellung einfach immer so natürlich gewählt an (im Schützengraben ist man nahe an den Darstellern dran, auf weiter Flur wird schon mal ein Schwenk über die Landschaft gemacht), dass mir tatsächlich die meiste Zeit nicht aufgefallen ist, dass ich hier gerade einen vermeintlichen One-Take sehe, weil ich auch nie das Gefühl hatte, dass eine Einstellung eben jetzt nur so gewählt wurde wegen diesem inszenatorischen Kniff. Was die Charaktere betrifft, so fand für mich einfach sehr viel zwischen den Zeilen statt, da brauch ich nicht immer minutenlange Expositionen oder gar Flashbacks, wenn ein Schauspieler zusammen mit dem Drehbuch es schafft, dass ich mir am Ende eine Träne verdrücken muss, hat es der Film eindeutig geschafft mich abzuholen.

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      1. Ich finde das auch sehr erstaunlich, dass sich die Wahrnehmung(en) bei diesem Film so krass unterscheiden. Die Mehrzahl ist natürlich bei dir und die meisten, mit denen ich gesprochen habe, empfanden auch so wie du. Aber ich habe tatsächlich gar nichts gefühlt. Beim angesprochenen Ende saß und ich da und dachte nur… „Tja.“ Es ist eigentlich echt schade, dass mir die beiden Hauptfiguren so völlig egal waren. Die Ansätze waren ja da, ich fand zB die Unterhaltung über die Weinflasche und den Orden nett. Aber als Charaktere waren die beiden viel zu wenig ausgeformt und viel zu sehr ein bloßes Plotvehikel.

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